2. Etappe

2. Etappe  Ischgl - Scuol

Um halb sieben klingelt der Wecker. Die gestern noch gewaschene Radhose und das Trikot sind über nacht fast getrocknet, der Hotelfön tut ein Übriges. Nach einem guten Frühstück geht es zur Kirche von Ischgl, dem  Wegepunkt, der den Anfang unserer heutigen Etappe markiert. Jetzt folgt das sich täglich wiederholende Ritual des Tacho Einstellens. Beim  morgendlichen Start der Aufzeichnung setzt der HAC 4 Bikecomputer jedes  Mal die km und die aktuelle Höhe auf Null. Damit der Tacho aber mit dem durchgängig kilometrisierten Roadbook übereinstimmt, müssen die hm und vor allem die Kilometer exakt auf den Stand des Roadbooks gebracht werden. Und das dauert...

Start um kurz nach 8 an der Kirche von Ischgl
Ziemlich steil und der Bauch strebt talwärts...

Gleich hinter der Kirche geht es auf einer Asphaltstraße steil in Richtung Fimbertal. Die Gravitation zieht mich und meinen Ranzen unbarmherzig talwärts. Vor der nächsten Transalp nehme ich mindestens 20kg ab! Mir bleibt wenigstens der Trost, dass ich in meiner “King-Size” Gewichtsklasse sicher der einzige Alpenüberquerer bin. Egal, wozu habe ich schließlich die ganze Zeit trainiert?

Trotz strahlendem Wetter ist es um kurz nach neun noch schattig und empfindlich kalt. 8°C zeigt mein HAC4 an. Der innere Ofen läuft auf Hochtouren, solange wir fahren, frieren wir nicht.

Fimbertal
Hier unten gibts noch viele schöne Blumen

Es wird wärmer und wir rollen gemütlich durch das Fimbertal in Richtung Heidelberger Hütte. Da wir doch ziemlich früh aufgebrochen sind, haben wir einen größeren Vorsprung vor den vielen anderen Bikern, die diese Strecke heute  (Samstag) fahren. Erst kurz vor der Schweizer Grenze überholen uns massenweise, ziemlich asketisch aussehende Radler.

Etwas später als gedacht, aber dafür um so hungriger kommen wir bei der Heidelberger Hütte an. Wir essen eine Leberknödlsuppe. Ein Fehler, wie sich später herausstellt. Sie schmeckt zwar sehr gut und ergänzt die Salzvorräte  unserer Körper, allerdings enthält sie auch viel Knoblauch und Zwiebeln, was sich in permanentem Aufstoßen für den Rest des Tages äußert.

Rast an der Schweizer Grenze
Die Heidelberger Hütte

Nach der Rast geht es per pedes ca. 350 Höhenmeter zum Fimberpass. Zum ersten Mal zeigt sich, wie wichtig ein Höhenmesser ist. Er ist zwar nie besonders genau, aber er zeigt einem an, wie viel vom Weg noch vor einem liegt und welche Fortschritte man macht.

Oben am Fimberpass (2608 m ü. N.N.) ist es richtig voll. Mindestens 30 Biker hängen hier rum und rasten, bevor es talwärts geht. Die Gegend ist nicht sehr einladend, vegetationsarm und könnte auch auf dem Mond sein. Zudem weht ein kalter Wind über den Pass. Uwe isst noch eine Gipfelbanane, ich stelle meinen Sattel ganz nach unten und es geht bergab. Was im Roadbook mit 12% Gefälle und dem Euphemismus des Tages “weiter Pfad folgen, teilweise schieben” beschrieben ist, entpuppt sich als sauschwerer grobschottriger, über scharfkantige, sägezahnartige Felsformationen führender Singletrail mit bis zu 30% Gefälle. 1000 Höhenmeter geht es so bergab; ich schiebe meistens.

Oben angelangt zeigt sich der Fimberpass (2608m) wie eine Mondlandschaft.
Hier gehts noch. Nachher wirds kriminell steil

Als uns die anderen Gipfelstürmer fahrend und rutschend überholen, ist Uwe nicht mehr zu bremsen. Jetzt versenkt auch er seinen Sattel bis zum Anschlag im Rahmen und versucht - weitgehend erfolgreich - auf seinem Hardtail mit den vollgefederten Kollegen mitzuhalten. Ich kann irgendwann wieder zu ihm aufschließen als er wie in Zeitlupe, erst in die Höhe katapultiert wird um dann scheinbar senkrecht, mit dem Kopf voran in die Botanik zu knallen.
Wohl dem, der einen Helm trägt. Ohne ihn wäre die Tour für Uwe jetzt zu Ende. Außer einer tiefen Schramme am Arm ist er glücklicherweise unverletzt.

Unten angelangt wird der Pedalkäfig wieder gerade gebogen
Blick aufs Engadin und das Val d'Uina
Das Örtchen Ramosch

Unten im Engadin angelangt, ist es schon nach 15.00 Uhr. Eigentlich hatten wir geplant, durch das Val d’Uina noch bis zur Sesvenna Hütte zu fahren. Das wären noch 1200 Höhenmeter mit über 12% Steigung und einer  schwierigen Passage. Daran ist heute nicht mehr zu denken. Kurzerhand sagen wir telefonisch bei der Sesvennahütte ab und radeln nach Scuol, wo wir im Hotel Quellenhof ein Zimmer bekommen. Abends genießen wir das warme Wetter auf einer Restaurantterasse und schlemmen Engadiner Spezialitäten.